Number Nine
Ein sehr persönliches Album über San Francisco, Heimweh, Erinnerungen und neue musikalische Wege – und für mich damals eine lang ersehnte Rückkehr.
- Veröffentlichung
- 2007
- Label
- synSONIQ Records
- Umfang
- 16 Titel · 73:52 Min.
- Besonderheit
- Hülsbecks 9. Album
Lange ersehnt
Lange hatten die Fans darauf gewartet. Voller Sehnsucht streckten wir unsere Ohren nach ihm aus – aber vergebens. Zehn Jahre waren seit „Extreme Assault“ vergangen, und für mich hatte es sich lange nicht mehr nach einem wirklich neuen, eigenständigen Hülsbeck-Studioalbum angefühlt. Zehn Jahre mussten die Synthesizer-Fanatiker auf ein Album dieser Art warten. Mitte 2007 hielt Chris dann endlich seine neue CD in den Händen!
In einem damaligen Interview von der Games Convention in Leipzig war ihm deutlich anzusehen, was ihm diese Platte bedeutete: Sie war nicht einfach nur ein weiteres Werk. Er taufte sie auch nicht schlicht „HCD9“, sondern wollte etwas völlig anderes schaffen – etwas, das er zuvor noch nie kreiert und seinen Fans in dieser Form noch nie zu hören gegeben hatte.
Es waren Klänge, die vielleicht auch zu einem Videospiel gepasst hätten, es jedoch nie in ein Spiel geschafft hatten. Viele Melodien, die man nun auf „Number Nine“ hört, schwirrten ihm nach seiner eigenen Schilderung schon seit rund 20 Jahren im Kopf herum. Nur hatte er nie die Zeit gefunden, diese Ideen weiter auszuarbeiten und zu verfeinern.
San Francisco, Erinnerungen und Heimweh
Ob Hülsbeck glaubte, er sei seinen Fans etwas schuldig? Vielleicht, weil er so lange weg war, ohne ein Album dieser Art von sich hören zu lassen – von den kleineren Projekten einmal abgesehen? Zumindest erweckte es bei mir ein wenig diesen Eindruck, wenn man bedenkt, dass er die CD ausschließlich in seiner Freizeit produzierte, obwohl er davon eigentlich nicht besonders viel hatte. Die Projekte bei Factor 5 spannten ihn über den ganzen Tag ein, ohne viel Luft dazwischen.
Vielleicht gibt sich die neue „Nummer Neun“ deshalb stellenweise etwas melancholisch. Wie schon das Cover vermuten lässt, dreht sich vieles um seinen damaligen Wohnort San Francisco. Bei der Gestaltung von Cover und Booklet halfen ihm seine langjährigen Freunde Frank Matzke und Rudolf Stember.
Durch den beruflich bedingten Umzug von Deutschland in die USA gab es für Chris sicherlich auch Tage, an denen er sich in seine Heimat zurücksehnte. Factor 5 war damals sein Arbeitgeber in Amerika, und so verstand ich seine Situation: Wollte er seinen beruflichen Weg als Komponist weitergehen, musste er den Plänen der Firma folgen und mit ihr in die USA ziehen.
So handelt die CD von Eindrücken, die er während seiner Zeit in San Francisco gesammelt hatte. Die Landschaft, die Menschen und sein Bezug zu dieser Stadt inspirierten ihn. Aber auch Heimweh und die Erinnerung an die Vergangenheit sind in einzelnen Titeln zu hören. Davon erzählen besonders „Germany Calling“ und „Those Were The Days“. In „Germany Calling“ sind zu Beginn die Klänge eines Commodore 64 zu vernehmen – für mich eine kleine akustische Brücke zurück zu seinen Anfängen.
„Those Were The Days“ entstand gemeinsam mit Jan Zottmann und Fabian Del Priore: Komponiert wurde das Stück von Zottmann, Del Priore und Hülsbeck; produziert und arrangiert haben es Fabian Del Priore und Jan Zottmann. Das Gesangsarrangement stammt von Markus Holler, gesungen wird der Titel von Birgit Holler. Gerade ihre Stimme gibt dem Stück eine ganz besondere, persönliche Wärme.
Neue Klangfarben und echte Instrumente
Einige Stücke enthalten echte Instrumente, die einen schönen Kontrast zu Hülsbecks elektronischem Stil bilden. In „Endless Dunes“ spielt Hans Winold E-Bass. Manus Buchart nahm für seinen Freund Chris Hülsbeck Gitarrenriffs und Solo-Improvisationen auf, die in „North Beach Night Life“, „Regatta“ und „Solitude“ zu hören sind.
Chris konnte auf diesem Album sogar eine kleine Premiere feiern: Für die Produktion spielte er erstmals selbst Ukulele. In „Lombard Street“ und „The Island“ kann man diesen Versuch in voller Länge hören. Ob Chris nun das Ufer wechseln und seinen Synthesizer an den Nagel hängen wollte? Nein, ich kann beruhigen: Seine Bestimmung blieb der elektronische Klang. Dass er aber gern experimentiert und unterschiedliche Stilrichtungen miteinander vermischt, hatte er schon viele Jahre zuvor gezeigt.
Trauer, unveröffentlichte Musik und alte Wegbegleiter
Ein sehr trauriges Stück ist diesmal ebenfalls dabei. Es erinnert mich ein wenig an „On Stage“ vom Album „To Be on Top“, was aber keinesfalls dasselbe bedeuten soll. „Remembrance“ ist seiner langjährigen Freundin und Lebensgefährtin Diane gewidmet, die 2006 nach langer Krankheit verstarb. Für ihn war das natürlich ein Schock, den er erst noch verarbeiten musste. Als er das Stück auf dem Klavier komponierte, wurden Erinnerungen aus den vergangenen Jahren wach.
„Tomorrow’s Yesterday“ ist ein Dance-Track, an dem sein langjähriger Freund DJ Doug Laurent und die Sängerin Nina Gerhardt beteiligt waren. 2002 war Chris sehr von den stimmlichen Fähigkeiten der Sängerin und den bedeutsamen Textpassagen angetan. So kam es, dass er Doug um einen Remix bat. Die geplante Single kam leider nie auf den Markt. Im Rahmen von „Number Nine“ konnte er den Song nun endlich seinen Fans präsentieren.
1997 produzierte Chris gemeinsam mit Doug Laurent die Single „Stay“, die 1998 erschien und die ich bereits ausführlicher in dieser Hülsbeck-Discographie beschrieben habe. Die Scheibe blieb leider ohne den erhofften finanziellen Erfolg – was, wie wir alle wissen, nichts über ihre Qualität aussagt. Dass Chris an diesem Titel mitgearbeitet hatte, wusste ich schon vor dem Erscheinen von „Number Nine“, weil Fabian Del Priore mich darauf aufmerksam gemacht hatte. Zehn Jahre nach der ursprünglichen Produktion holte Hülsbeck den Song noch einmal aus der Versenkung und packte ihn als Bonus auf das Album. Gesungen wird die hier enthaltene Fassung von Raquel Gomez.
Ein Stück Turrican zum Schluss
Was wäre eine Hülsbeck-Scheibe, wenn nicht wenigstens ein kleiner Funken Spielemusik darauf enthalten wäre? Für mich wäre es keine. So war ich heilfroh, als ich auf der Rückseite der CD-Hülle den letzten Titel las: „Turrican 3 Piano Suite“.
Das Stück wurde 2006 beim Eröffnungskonzert der Games Convention im Gewandhaus zu Leipzig aufgeführt. Das anspruchsvolle Arrangement schrieb Jonne Valtonen; eingespielt wurde die Fassung vom finnischen Pianisten Jari Salmela. Nach all den neuen und sehr persönlichen Klangwelten schließt sich damit am Ende noch einmal der Kreis zu Hülsbecks Spielemusik.
Für mich persönlich zählt „Number Nine“ zu seinen besten Werken. Vielen Dank, Chris!
Marco Kautz · 15.06.2008