Ein Hellomat zieht bei uns ein
Schon lange träumte ich davon, einen echten Arcade-Schrank zu Hause zu haben – allerdings nicht mit nur einer originalen Spielplatine. In dem klassischen Gehäuse sollte ein Windows XP-PC mit MAME und HyperSpin arbeiten, damit sich die Geschichte der Spielhalle an einem einzigen Automaten erleben ließ.
Allein wäre dieser Wunsch vermutlich ein Wunsch geblieben. Doch dann lernte ich auf unserem ersten Classic-Videogames-User-Treffen Michele kennen. Aus einer zunächst scherzhaft klingenden Frage wurde ein halbes Jahr Arbeit, und am Ende begann eine der abenteuerlichsten Transportaktionen unserer frühen ON-TOUR-Jahre.
„Soll ich dir einen bauen?“
Mit Emulatoren kannte ich mich bereits aus. Was mir fehlte, waren Erfahrung und Zeit für den Bau eines kompletten Automaten: Welcher alte Arcade-Schrank eignete sich? Wie wurde aus einem Bedienfeld für ein einzelnes Spiel eine Steuerung für zwei Personen? Wie verband man Joysticks, Tasten, PC und Bildschirm so, dass sich alles wie ein echtes Spielhallengerät anfühlte?
Zu dieser Zeit organisierte ich unsere Convention, plante Livestreams und arbeitete an der Webseite. Mir war klar, dass ich mich nicht auch noch gründlich in Holzarbeiten, Verkabelung und den Aufbau eines MAME-Cabinets einarbeiten konnte. Auf unserem ersten User-Treffen erzählte ich Michele davon. Er hatte selbst einen gebauten Automaten mitgebracht und erklärte, solche Projekte seien sein Hobby.
„Soll ich dir einen bauen?“ – „Das meinst du doch nicht ernst?“ – „Doch, ich mach dir das. Ich hab da Bock drauf!“
Ich hielt sein Angebot zunächst wirklich für einen Scherz. Als mir klar wurde, dass er es ernst meinte, nahm ich dankbar an. Damit begann ein Projekt, in das Michele ungefähr ein halbes Jahr seiner Freizeit investierte. Für mich war das alles andere als selbstverständlich – und bis heute ist er für diese Aktion mein Held.
Michele baut den Hellomaten um
Das fertige Gerät verband ein echtes deutsches Arcade-Gehäuse mit PC-Technik, Emulation und einer neuen Steuerung für gemeinsame Spielrunden.
Zunächst suchte Michele in einschlägigen Foren nach einem geeigneten Schrank. Schließlich fand er einen in Deutschland produzierten Hellomaten. Es handelte sich nicht um einen dedizierten Automaten, dessen Gehäuse nur für einen bestimmten Titel entworfen worden war. Dieses Exemplar war ursprünglich mit einer Kartenspiel-Platine bestückt und besaß lediglich eine einfache Steuerung.
Für unser Vorhaben war gerade dieses unscheinbare Universalgehäuse ideal. Michele fertigte aus Holz ein neues Bedienfeld, auf dem ein zweiter Joystick und sechs Aktionstasten Platz fanden. Das Video zeigt verschiedene zugeschnittene und gebohrte Panelvarianten und damit einen Teil der handwerklichen Arbeit, die später unter der fertigen Oberfläche verschwand.
Im Inneren ersetzte ein ausrangierter Büro-PC die ursprüngliche Spielplatine. Auch ein älterer Dell-Monitor bekam eine neue Aufgabe. Die schwere Bildröhre, die originale Elektronik und weitere nicht mehr benötigte Bauteile wurden ausgebaut. Dadurch entstand kein originalgetreu restaurierter Einzelspielautomat, sondern bewusst ein vielseitiges MAME-Cabinet im echten Gehäuse eines alten Unterhaltungsautomaten.
MAME
Der Emulator bildet die Hardware klassischer Arcade-Systeme nach. So lassen sich viele unterschiedliche Automatenplattformen auf einem PC dokumentieren und wiedergeben.
HyperSpin
Das grafische Frontend dient als gemeinsame Spielauswahl. Statt Windows-Menüs erscheinen animierte Logos, Videos und passende Grafiken im Arcade-Stil.
Zwei Spieler
Das neu angefertigte Bedienfeld machte aus der ursprünglichen Einzelsteuerung einen Automaten, an dem auch gemeinsame Duelle möglich wurden.
Weiterverwendete Technik
Ein alter Büro-PC und ein ausrangierter Dell-Monitor reichten für die gewünschten Arcade-Klassiker vollkommen aus und erhielten ein zweites Leben.
Der Automat heute: Zu Beginn umfasste die Auswahl mehr als 1.000 Spiele. Inzwischen habe ich sie auf rund 500 wirklich gute und für den Automaten passende Titel reduziert. Weniger Masse macht das Durchblättern angenehmer – und die Spiele, die tatsächlich gespielt werden, sind schneller gefunden.
Was ist eigentlich ein Hellomat?
Der Name bezeichnet nicht nur eine bestimmte Gehäuseform. Hinter ihm stand ein deutscher Hersteller von Geldspiel-, Unterhaltungs- und TV-Spielgeräten aus der Eifel.
Die Geschichte der Marke reicht bis 1955 zurück. Damals begann in Hellenthal in der Eifel die Herstellung von Geldspielgeräten. Das Unternehmen trat zunächst unter Namen wie Vellomat und Neomat auf; später entstand daraus Hellomat. Der Name leitet sich tatsächlich vom ursprünglichen Firmensitz Hellenthal ab – und nicht vom englischen Gruß „Hello“.
Ab 1973 führte Rüdiger Deutsch das Unternehmen als geschäftsführender Gesellschafter. Erfolgsmodelle wie der Hellomat 2000 und 2030 wurden zusammen fast 10.000-mal produziert. Mit dem Aufkommen elektronischer Spiele erweiterte die Firma ihr Programm um sogenannte TV-Geräte. 1983 nahm Hellomat eine über 5.000 Quadratmeter große Produktionsstätte in Mechernich-Obergartzem in Betrieb.
Besonders bekannt wurde das kompakte Universalgehäuse „Superstar“, das laut einem damaligen Branchenbericht mehr als 25.000-mal verkauft wurde. Solche Schränke konnten mit unterschiedlichen Spielplatinen bestückt werden. Ein Spielhallenbetreiber musste deshalb nicht für jeden neuen Titel ein komplett neues Gehäuse anschaffen – Platine, Beschriftung und bei Bedarf das Bedienfeld ließen sich austauschen.
1989 endete die Firmengeschichte mit dem Konkurs der Hellomat-Automaten GmbH. Die robusten Universalgehäuse überlebten jedoch in Spielhallen, Lagern, privaten Sammlungen und später in vielen MAME-Projekten. Weil sie keinem weltweit bekannten Einzelspiel wie Pac-Man oder Donkey Kong fest zugeordnet waren, standen sie bei manchen Sammlern lange weniger hoch im Kurs. Für einen individuellen Umbau war genau diese Vielseitigkeit jedoch ein großer Vorteil.
Technisches Zeitzeugnis: Die originale Service-Mappe des Hellomat Superstar nennt 160 Zentimeter Höhe, 52 Zentimeter Breite, 69 Zentimeter Tiefe und ein Gewicht von 94 Kilogramm. Außerdem dokumentiert sie das auswechselbare Platinensystem und einen zwischen Zwei-, Vier- und Acht-Wege-Betrieb umrüstbaren Joystick. Unser umgebautes Gerät war durch den entfernten Röhrenmonitor und die ausgeräumte Originaltechnik deutlich leichter zu transportieren – klein wurde es dadurch allerdings nicht.
Mit Ach und Krach nach Euskirchen
Als der Hellomat (genaue Bezeichnung: Hellomat TV – Universal) fertig war, fuhren Sabrina und ich zu Michele nach Köln. In seinem Keller schalteten wir den Automaten ein, probierten die Steuerung aus und ließen uns die Konstruktion noch einmal zeigen. Im Video sind neben dem fertigen Gerät auch Teile des Bedienfelds und der Umbauarbeiten zu sehen. Dann kam der Moment, vor dem ich mich schon während der Planung ein wenig gefürchtet hatte: Der Automat musste nach Hause.
Ich fuhr damals einen Renault Twingo, Baujahr 2013. Schon vorher hatte ich Michele gefragt, wie groß der Schrank eigentlich sei. Mein dumpfes Gefühl sagte mir, dass ein ausgewachsener Arcade-Automat und ein Kleinwagen nicht unbedingt die ideale Kombination waren. Einen Transporter hatten wir jedoch nicht – also wurde ausprobiert.
Mit umgeklapptem Beifahrersitz, viel Hin- und Herschieben und gemeinsamer Muskelkraft bekamen wir den Hellomaten tatsächlich in den Twingo. Er lag bis über den Beifahrerbereich und ragte hinten noch ein Stück aus der geöffneten Heckklappe heraus. Die Bilder im Video zeigen ziemlich deutlich, wie knapp diese Lösung war.
Und Sabrina? Die musste ich weder in Köln zurücklassen noch mit dem Zug nach Euskirchen schicken. Für sie blieb hinten gerade noch ein Sitzplatz frei. So traten wir zu dritt die Heimreise an: ich am Steuer, Sabrina auf der Rückbank und der Hellomat als mit Abstand größter Fahrgast.
Manchmal braucht ein lang gehegter Traum nur einen begeisterten Bastler, einen sehr geduldigen Twingo – und eine Heckklappe, die nicht ganz schließen muss.
Vom Keller bis in den Twingo
Der rund 50-minütige Film zeigt den Hellomaten, Micheles Umbauarbeiten, das erste gemeinsame Ausprobieren und den abenteuerlichen Transport von Köln nach Euskirchen.
Mehr über Hellomat, MAME und HyperSpin
Wer tiefer in die Technik und Geschichte einsteigen möchte, findet hier die originale Service-Dokumentation sowie weiterführende Informationen aus der Arcade-Szene.
Aus einem alten Schrank wird mein eigener Arcade-Traum
Der ursprüngliche Text zu diesem Tag ging beim Hackerangriff auf unsere Webseite im Jahr 2016 leider verloren. Das Video blieb erhalten – und mit ihm die Bilder von Michele, dem fertigen Automaten, Sabrina, unserem Twingo und einer Aktion, über die wir noch lange lachen konnten. Dieser neue Bericht gibt der Erinnerung nun endlich wieder ihre Geschichte zurück.
Besonders schön ist, dass bei diesem Projekt fast alles eine zweite Chance bekam: ein wenig begehrtes Hellomat-Gehäuse, ein alter Büro-PC, ein ausrangierter Dell-Monitor und Technik, die für andere längst überholt war. Michele setzte daraus genau den Automaten zusammen, den ich mir gewünscht hatte. Aus einem zufälligen Gespräch auf unserer ersten Convention wurde ein Stück Spielhalle für mein Zuhause – und vor allem eine großartige Freundschaftsgeste. Weil eigentlich wollte er nicht dafür bezahlt werden, aber das konnte ich nicht so im Raum stehen lassen 😉
Danke, Michele – dein Hellomat spielt bis heute!
Euer Marco von Classic Videogames