Shades (1991)
Mit seinem ersten Album ließ Chris Hülsbeck die technischen Grenzen der Heimcomputer hinter sich und präsentierte seine Musik erstmals so, wie er sie sich ohne Speicherplatzmangel und videospielbedingte Einschränkungen vorgestellt hatte.
Ein Album ohne technische Grenzen
Dies ist Chris Hülsbecks erstes Album. Er schuf es in seiner eigenen Firma, dem A.U.D.I.O.S.-Studio. Dort verwirklichte er seinen Traum, endlich einmal seiner Fantasie freien Lauf zu lassen. Abseits von Speicherplatzmangel und anderen videospielbedingten Hindernissen konnte er sein ganzes Talent in digitale Technik bannen. Für Kenner seiner Werke war diese CD etwas ganz Besonderes. Das Ohr der Zuhörer war dem Klang des Amiga vertraut, und so waren viele überrascht von dem, was plötzlich aus den Lautsprechern schallte. Besondere Aufmerksamkeit verdient der Track „Shades“. Denn dieser Track ebnete Chris den Weg, etwas ganz Großes zu werden.
Auf seinem Debütalbum wollte er eine große Anzahl unterschiedlicher Stilrichtungen präsentieren. Da Hülsbeck sich nicht entscheiden konnte, welcher der Turrican-Songs auf der CD erscheinen sollte, entschied er sich für ein Medley. So entstand das „Turrican Medley“, das trotz seiner Länge von 15 Minuten nicht langweilig wird. Es sollte ein kleiner Vorgeschmack auf das sein, was später auf weiteren CDs folgen sollte. Er plante eine ganze Soundtrack-CD zur Turrican-Serie.
Auch wenn es für Hülsbeck vielleicht untypisch erscheinen mag, ist er ebenfalls ein Hip-Hop-Fan. Sein Stil geht häufig auch in diese Richtung. So komponierte er den Track „Nightmoves“. Einige konnten überhaupt nicht verstehen, weshalb er sich auch in diesem Genre versuchte. Andere wiederum glaubten, dass der Hip-Hop-Stil durchaus in so manchem Computerspiel hätte zum Einsatz kommen können. Welche Musik in einem Spiel zu hören war, wurde im Allgemeinen vom Spieldesign-Team bestimmt, und das konnte Chris Hülsbeck nicht allein beeinflussen. „Nightmoves“ ist also ein Mix seiner House-Piano-Songs, die er in seiner Freizeit komponierte und nun erstmals seinen Fans auf diesem Album präsentierte.
Spieleklassiker und Auftragsmusik
Der Spielautomat „R-Type“ von Irem ist bis heute ein Klassiker des Shoot-’em-up-Genres. Auch Hülsbeck zählte diesen Automaten zu seinen Favoriten. Für die Amiga-Version war bis dahin noch keine Firma beauftragt worden, den Spielautomaten auf den Amiga umzusetzen. Nur durch etwas Glück im Unglück kam Hülsbeck zur Neuvertonung von R-Type. Rainbow Arts programmierte gemeinsam mit Manfred Trenz den Shooter Katakis, der R-Type zu 90 Prozent ähnelte. Schon bald drohte der Publisher Activision, der R-Type vertrieb, mit einer Klage. So musste Rainbow Arts die Lizenz für R-Type erwerben und das Spiel für den Amiga zu einem günstigen Preis für Activision programmieren. Hülsbeck ging sehr enthusiastisch an dieses Werk heran. Heraus kam „Theme of R-Type“, das auf diesem Album in leicht erweiterter Form vorliegt. Es ehrte ihn sehr, dass er eine eigene Komposition zu diesem international weit verbreiteten Spiel beisteuern durfte.
„Power of Magic“ ist ein Song, der nicht für ein Videospiel komponiert wurde. Er kam bei einer Videopräsentation zum Einsatz. Eine solche Art von Musik nennt man Muzak. Sie wird in Werbung und Dokumentationen eingesetzt und so komponiert, dass sie im Hintergrund bleibt und nicht besonders hervorsticht. Der Zuschauer soll von der Musik nicht zu stark beeinflusst werden; gleichzeitig darf sie aber auch nicht nerven oder langweilig sein. Die richtige Mischung zu finden, damit Information, Bild und Ton gut zusammenpassen, will gekonnt sein.
Wie Hülsbeck zu seinem Erfolg kam, kann man in seiner Biografie nachlesen. Chris komponierte den Song „Shades“ für einen Wettbewerb der Fachzeitschrift „64’er“ und belegte damit den ersten Platz. Die Freude über diesen Erfolg und den damit verbundenen Einstieg ins Profigeschäft machten eine Adaption für diese CD unumgänglich. So stand auch der Name für dieses erste Album schon bald fest.
Für das Amiga-Spiel „Masterblazer“ wurde Chris Hülsbecks musikalisches Talent ebenfalls in Anspruch genommen. Von Anfang an wollten die Spieledesigner von Rainbow Arts jazzige Klangelemente in das Spiel einbringen. Dies war nicht Hülsbecks bevorzugte Stilrichtung, auch weil Jazz ein etwas unruhiges Klangbild besitzt und sich dadurch schlechter einprägen lässt. Dennoch haben Jazzharmonien ihren Reiz – auch wenn man sie, wie in diesem Song gut zu hören ist, etwas untypisch mit „normalen“ Melodien unterlegt.
Wer kennt das nicht? Eine durchzockte Nacht: Die Freundin hat längst aufgegeben, euch vom Monitor loszubekommen, während ihr auf den höchsten aller Highscores zusteuert. Oder ihr habt endlich einmal den bösen Drachen gesehen, statt immer nur von ihm zu lesen. Nicht selten vergehen dabei viele Stunden. Genau davon handelt der Song „Addicted to These Games“ – eine für Hülsbeck sehr ungewohnte Mischung aus verschiedenen Musikstilen, Rap, Gesang, einer schönen Melodie und Videospieleffekten.
Weitere Klangwelten und Filmträume
Der Titel „Warzone“ hätte vielleicht auch zu einem berühmten Kinofilm über einen Profiboxer gepasst. Hülsbeck versuchte sich deshalb auch einmal in dieser Richtung. Der Song hätte durchaus ebenfalls zum Amiga-Spiel Turrican gepasst. Tatsache ist jedenfalls, dass Chris sehr viel Feinarbeit in diesen Song investiert hat.
Eine Laserlichtshow wäre die richtige optische Begleitung zum Song „Heavens Gate“. Hülsbeck komponierte das Stück für diesen Zweck, doch bis dahin war es noch nie bei einer solchen Show zum Einsatz gekommen.
Auch auf Chris Hülsbeck üben Spielfilme wie Indiana Jones oder Star Wars eine große Faszination aus. Sein Hauptinteresse gilt dabei natürlich den Filmsoundtracks. Von ihnen ließ er sich häufig inspirieren, um seinem großen Ziel, einen Spielfilm zu vertonen, ein Stück näherzukommen. Beim Amateurfilm „Cut Character“ konnte er seiner Kreativität in dieser Richtung bereits freien Lauf lassen.
„Shades“ ist auch als digitales Album erhältlich.
Digitales Album bei Bandcamp erwerben ↗Die CD „Shades“ sollte als Schlüssel für die Zukunft dienen. So landete auch ein Song auf dem Album, der zu einem Abspann eines Hollywoodfilms gepasst hätte. Schauplatz und Thema seines imaginären Films war der Turmbau zu Babel, der im Song verschiedene Gefühlsebenen entstehen ließ. „Tower of Babel“ erzählt in romantischen und dunklen Passagen, wie die Arbeiter beim Bau von Babel leiden mussten und das Projekt dennoch scheiterte.
„Tale of Glory“ ist der Bonustrack auf dieser CD und eine Komposition von Rudolph Stember. Ebenfalls als Filmsoundtrack angelegt, bewegt sich Stembers Stil in romantischen Themen, die häufig in abenteuerlichen und berauschenden Klangwelten enden. Diesen Platz auf der CD widmete Hülsbeck seinem besten Freund und Arbeitskollegen Rudolph Stember, der bei Rainbow Arts ebenfalls für die Musik zu Produktionen wie Logical oder Mad TV verantwortlich war. Daher war es für Stember selbstverständlich, bei der Produktion von „Shades“ dabei zu sein. Hülsbeck und Stember erarbeiteten gemeinsam das Instrumental zu „Addicted to These Games“.