Symphonic Shades
Hülsbecks Musik für großes Orchester und Chor – und für mich die Aufnahme eines außergewöhnlichen Konzertabends, bei dem ich selbst leider nicht dabei sein konnte.
- Konzert
- 23. August 2008
- CD-Veröffentlichung
- 17. Dezember 2008
- Umfang
- 15 Titel · rund 74 Min.
- Label
- synSONIQ Records
Das Konzert, bei dem ich nicht sein konnte
Als bekannt wurde, dass man die CD zu „Symphonic Shades“ vorbestellen konnte, habe ich nicht lange gezögert. Ich wollte diese Aufnahme unbedingt haben. Zu dem Konzert selbst konnte ich damals leider nicht fahren, denn ausgerechnet an diesem Wochenende nahm ich an einem Radsportfest in der Eifel teil. Beide Termine überschnitten sich – und natürlich konnte ich nicht gleichzeitig in der Eifel und im Kölner WDR-Funkhaus sein.
An eine weitere Besonderheit erinnere ich mich heute wieder: Eine CD-Veröffentlichung war zunächst offenbar keineswegs selbstverständlich. Wenn ich es noch richtig im Gedächtnis habe, sollte sie nur produziert werden, wenn sich zuvor genügend Interessenten meldeten. Wahrscheinlich war es Jan Zottmann, der damals zahlreiche Hülsbeck-Fans anschrieb und auch mich fragte, ob ich die CD haben wollte. Ganz sicher kann ich heute nicht mehr sagen, ob diese Nachricht tatsächlich direkt von ihm kam oder wie viele Bestellungen zusammenkommen mussten. Ich weiß aber noch, dass ich sofort zugesagt beziehungsweise vorbestellt habe.
Der Kern dieser Erinnerung lässt sich auch heute noch nachvollziehen: Erst im Juli 2008 wurde offiziell bekanntgegeben, dass das Album tatsächlich produziert wird. Als Grund nannte man die überwältigende Nachfrage aus aller Welt; gleichzeitig begann MAZ Sound Tools, die Vorbestellungen entgegenzunehmen. Jan Zottmann war als Associate Producer an der Veröffentlichung beteiligt und gehörte zu den Menschen, denen ausdrücklich für die Unterstützung des hochwertigen Mitschnitts gedankt wurde. Es passt deshalb sehr gut zu meiner Erinnerung, dass die Fans damals gezielt angesprochen und für die geplante CD mobilisiert wurden.
Das war besonders schade, weil ich Hülsbecks Musik schon so lange begleitete und dieses Konzert etwas wirklich Einmaliges versprach. Umso glücklicher war ich, dass der WDR den Abend aufzeichnete und daraus anschließend diese CD entstand. Sie konnte das Erlebnis im Konzertsaal natürlich nicht vollständig ersetzen. Aber wenigstens konnte ich die Aufführung zu Hause intensiv anhören und mir auf diese Weise ein Stück dieses besonderen Abends nach Hause holen. Allein deshalb bedeutet mir diese CD bis heute sehr viel.
Vom Heimcomputer in den Konzertsaal
Wenn man die CD in den Händen hält, fällt sofort das elegante und originelle Cover auf: Bren McGuire, der Held der erfolgreichen Turrican-Serie, steht dort mit einem Taktstock in der Hand – anstelle seiner Laserkanone. Das Motiv stammt vom japanischen Zeichner Hitoshi Ariga und bringt die Idee des gesamten Projekts wunderbar auf den Punkt.
Doch nicht nur das Äußere unterscheidet diese Produktion von Hülsbecks früheren Veröffentlichungen. „Symphonic Shades“ wurde zu einem Mammutprojekt und beschritt Wege, die bis dahin bei einem europäischen Konzert dieser Art ungewöhnlich waren: Ein vollständiger Abend war ausschließlich der Musik eines einzelnen Spielekomponisten gewidmet.
Produzent Thomas Böcker und seine Merregnon Studios setzten das Konzert gemeinsam mit dem damaligen WDR Rundfunkorchester Köln, dem FILMharmonischen Chor Prag und zahlreichen Gastmusikern um. Den größten Teil der Stücke arrangierte und orchestrierte Jonne Valtonen. Gastarrangements steuerten Yuzo Koshiro, Takenobu Mitsuyoshi und Adam Klemens bei.
Viele der ursprünglichen Melodien – etwa aus „The Great Giana Sisters“, „Turrican“, „X-Out“ oder „R-Type“ – besaßen schon auf C64 und Amiga eine erstaunlich große und beinahe filmische Wirkung. Das bedeutet jedoch nicht, dass sich die Musik einfach auf ein Orchester übertragen ließ. Erst die aufwendigen neuen Arrangements verwandelten die alten Computerkompositionen in Stücke für ein vollständiges Orchester und einen großen Chor, ohne dabei ihren ursprünglichen Charakter zu verlieren.
Hülsbeck hatte viele seiner frühen Werke nach Gehör und direkt mit den technischen Möglichkeiten der Computer komponiert. Für „Symphonic Shades“ wurden diese Ideen nun in große Partituren übersetzt. Gerade darin liegt für mich ein Teil der Faszination: Melodien, die einst aus wenigen Stimmen eines Soundchips bestanden, konnten plötzlich einen ganzen Konzertsaal füllen.
Zwei ausverkaufte Aufführungen in Köln
Am 23. August 2008 war es schließlich so weit. Im Klaus-von-Bismarck-Saal des WDR-Funkhauses am Wallrafplatz fanden an diesem Abend gleich zwei ausverkaufte Aufführungen statt. Die erste begann um 20:00 Uhr, die zweite um 23:00 Uhr. Dirigent Arnie Roth übernahm den Taktstock und führte das WDR Rundfunkorchester Köln sowie den FILMharmonischen Chor Prag durch Hülsbecks musikalische Laufbahn.
Zu hören waren nicht nur seine bekanntesten Spielesoundtracks. Auch Stücke wie „Grand Monster Slam“, „Gem’X“, „Tower of Babel“, „Licht am Ende des Tunnels“ und die eigens für das Konzert geschriebene „Karawane der Elefanten“ fanden ihren Platz im Programm.
Für besondere Momente sorgten die Solisten. Benyamin Nuss spielte die Klavierfassung von „Turrican 3 – Payment Day“. Beim großen Turrican-II-Finale übernahm Jari Salmela den Klavierpart. Der libanesische Perkussionist Rony Barrak spielte auf seiner Darbuka zunächst ein beeindruckendes Solo, das anschließend nahezu nahtlos in die Suite aus „Tunnel B1“ überging. Schon auf der CD ist diese Stelle ein Gänsehautmoment – wie eindrucksvoll sie im Saal gewirkt haben muss, kann ich mir nur vorstellen.
Matthias Opdenhövel moderierte beide Konzerte und erzählte zwischen den Stücken kleine Geschichten über Hülsbecks Karriere und die Entstehung seiner Musik. Die erste Aufführung wurde live auf WDR 4 übertragen. Damit war „Symphonic Shades“ das erste Spielemusikkonzert, das live im Radio ausgestrahlt wurde.
Als sich mit „Shades“ der Kreis schloss
Gänsehautmomente blieben an diesem Abend sicher nicht aus. Besonders bewegend muss der Augenblick gewesen sein, als das Orchester zum Titelstück „Symphonic Shades“ ansetzte. In das Arrangement wurden sogar die synthetischen Klänge eines Commodore 64 eingebaut. Hülsbeck hatte dafür eine emulierte C64-Spur vorbereitet, die kurzzeitig den typischen SID-Klang hören ließ, bevor das WDR-Orchester wieder übernahm.
Vermutlich war dies einer der größten Momente seiner Laufbahn: Ausgerechnet „Shades“ – jener C64-Titel, mit dem 1986 seine Karriere begann – erklang nun mehr als zwei Jahrzehnte später in einem großen sinfonischen Konzert. Die alte Computermelodie und das Orchester standen nicht gegeneinander. Sie gingen ineinander über und zeigten, welche musikalische Kraft schon im ursprünglichen Stück steckte.
Das Konzert wurde vom WDR professionell aufgezeichnet. Die CD enthält deshalb keine bloße Erinnerungssammlung, sondern eine sorgfältig bearbeitete Konzertproduktion, auf der die vielen Details der Arrangements sehr gut zu hören sind. Gerade weil ich an diesem Abend nicht selbst in Köln sein konnte, bin ich bis heute froh, wenigstens diese fantastische Aufnahme zu besitzen.
Ich konnte damals nicht im Konzertsaal sitzen. Aber dank dieser CD konnte ich mir wenigstens einen Teil dieses außergewöhnlichen Abends nach Hause holen.