Turrican Soundtrack Anthology
Ein durch Fans finanziertes Mammutprojekt, das Hülsbecks Turrican-Musik aus mehreren Spielegenerationen in einer großen, vierteiligen Sammlung neu zum Leben erweckte.
- Kickstarter-Aktion
- 15. April bis 3. Juni 2012
- Kickstarter-Unterstützer
- 2.066
- Finanzierung
- 175.534 US-Dollar
- Umfang
- 4 CDs · 80 Titel
Ich wollte sofort mitmachen – aber mir fehlte die Kreditkarte
Turrican war für mich nie einfach nur irgendeine Spielereihe. Schon als Kind kam ich auf dem C64 damit in Kontakt, noch viel intensiver erlebte ich Turrican später jedoch auf dem Amiga. Die Spiele waren großartig – und die Musik gehörte für mich untrennbar dazu. Viele der Melodien hatten sich längst in meinem Kopf festgesetzt und weckten sofort Erinnerungen an diese Zeit.
Als Chris Hülsbeck seine Kickstarter-Aktion für die „Turrican Soundtrack Anthology“ ankündigte, war für mich deshalb sofort klar, dass ich dieses Projekt unterstützen wollte. Ich musste nicht lange darüber nachdenken: Diese Sammlung wollte ich unbedingt haben. Endlich sollte all die Turrican-Musik den Platz bekommen, den sie meiner Meinung nach schon lange verdient hatte.
Allerdings gab es für mich zunächst ein ganz praktisches Problem: Über Kickstarter konnte man damals nur mit einer Kreditkarte teilnehmen – und ich besaß keine. Obwohl ich unbedingt mitmachen wollte, konnte ich das Projekt deshalb nicht über den normalen Kickstarter-Weg unterstützen. Das fand ich natürlich ziemlich blöd.
Also schrieb ich Chris Hülsbeck direkt an und erklärte ihm, dass ich gern bei der Aktion dabei wäre, wegen der fehlenden Kreditkarte aber keine Möglichkeit dazu hatte. Meine Nachricht war sicherlich nicht der Auslöser für eine neue Zahlungsart. Ich war vermutlich nur einer von vielen Interessenten, die das Projekt unterstützen wollten, aber keine Kreditkarte besaßen und deshalb nach einer anderen Möglichkeit suchten.
Als deutlich wurde, dass dieser Wunsch bei vielen Fans bestand, boten Chris und sein Projektteam über die eigene Projektseite schließlich eine zusätzliche Unterstützung per PayPal oder Banküberweisung an. Damit konnte auch ich meinen Beitrag leisten und doch noch bei diesem besonderen Projekt dabei sein.
Genau deshalb tauchte ich technisch gesehen nicht als regulärer Kickstarter-Unterstützer auf, obwohl ich das Projekt mitfinanzierte. Für mich war aber nicht entscheidend, auf welcher Liste mein Name stand. Wichtig war mir, dass die Anthology Wirklichkeit wurde und ich diese besondere Sammlung später in den Händen halten konnte.
Das Besondere war für mich auch, dass wir Fans diesmal nicht nur auf eine fertige Veröffentlichung warteten. Mit unserer Unterstützung halfen wir ganz unmittelbar dabei, sie überhaupt möglich zu machen. Als die Kampagne dann so erfolgreich verlief, zeigte sich, wie vielen anderen Menschen diese Musik ebenfalls etwas bedeutete. Ich war also ganz offensichtlich nicht der Einzige, für den Turrican und Hülsbecks Soundtrack ein wichtiger Teil der eigenen Videospielgeschichte waren.
Zwanzig Jahre nach der ersten Turrican-CD
Bereits 1993 erfüllte sich Chris Hülsbeck den Traum, einen Turrican-Soundtrack in überarbeiteter und neu arrangierter Form auf CD zu veröffentlichen. Diese erste Turrican-CD enthielt allerdings nur eine Auswahl aus seinem umfangreichen musikalischen Portfolio. Viele Stücke aus den verschiedenen Teilen der Reihe blieben außen vor. Für mich stellte sich deshalb immer die Frage: Was ist eigentlich mit all den anderen Songs?
Die Antwort ließ lange auf sich warten. Fast genau zwanzig Jahre später verwirklichte Hülsbeck schließlich ein weitaus größeres Vorhaben. Die „Turrican Soundtrack Anthology“ sollte nicht nur an das Album von 1993 anknüpfen, sondern die Musik der gesamten Reihe möglichst umfassend, originalgetreu und dennoch mit moderner Studiotechnik neu präsentieren.
Das Projekt war für eine gewöhnliche, privat finanzierte Albumproduktion schlicht zu groß. Deshalb wandte sich Hülsbeck direkt an seine Fans. Crowdfunding war 2012 noch längst nicht so alltäglich wie heute – besonders nicht für eine derart umfangreiche Sammlung von Videospielmusik. Ob Hülsbeck tatsächlich der erste deutsche Musiker war, der Kickstarter nutzte, lässt sich heute nicht sicher belegen. Er gehörte mit diesem Projekt aber zweifellos zu den frühen deutschen Spielekomponisten, die zeigten, welches Potenzial eine direkte Finanzierung durch die Fangemeinde haben konnte.
Ein außergewöhnlicher Kickstarter-Erfolg
Die Kickstarter-Kampagne begann am 15. April 2012. Hülsbeck setzte ein Finanzierungsziel von 75.000 US-Dollar an, um zunächst eine aufwendig produzierte Sammlerbox mit drei CDs verwirklichen zu können. Schon innerhalb von weniger als zwei Wochen war dieses Ziel erreicht. Die große Frage war damit plötzlich nicht mehr, ob das Projekt stattfinden würde, sondern wie umfangreich es am Ende werden konnte.
Die Kampagne lief insgesamt 49 Tage und endete am 3. Juni 2012. Am Schluss hatten 2.066 Kickstarter-Unterstützer insgesamt 175.534 US-Dollar zugesagt. Damit erreichte das Projekt rund 234 Prozent seines ursprünglichen Finanzierungsziels. Für ein Albumprojekt mit neu bearbeiteter elektronischer Videospielmusik war das damals ein außergewöhnlicher Erfolg.
Diese offiziellen Zahlen zeigen nur die Unterstützer, die direkt über Kickstarter und damit per Kreditkarte teilnahmen. Die zusätzlich eingerichteten Zahlungen über PayPal und Banküberweisung liefen außerhalb der Plattform. Unterstützer wie ich wurden deshalb nicht als reguläre Kickstarter-Backer angezeigt.
Durch die zusätzlichen Finanzierungsziele wuchs die ursprünglich geplante Drei-CD-Box schließlich auf vier CDs an. Hinzu kamen besondere Beiträge und Bonusstücke, die den Umfang der Sammlung noch einmal deutlich erweiterten. Aus einer großen Idee wurde damit ein echtes Mammutprojekt.
Vier CDs aus der Welt von Turrican
Die Anthology ist nicht einfach eine wahllose Sammlung bekannter Melodien. Die vier CDs beziehungsweise digitalen Bände sind nach den verschiedenen Spielen der Reihe gegliedert und führen musikalisch durch mehrere Generationen von Turrican.
Insgesamt umfasst die Sammlung 80 Titel. Die Musik wurde nicht einfach nur lauter gemacht oder mit neuen Effekten versehen. Hülsbeck und seine Mitstreiter rekonstruierten, arrangierten und produzierten die Stücke mit hochwertigen Studioinstrumenten neu. Der Charakter der Originale sollte dabei erhalten bleiben. Genau das ist für mich entscheidend: Die vertrauten Melodien sind noch immer dieselben, klingen aber so, als dürften sie endlich all das zeigen, was in ihnen schon immer steckte.
Nah am Original – und trotzdem neu
Während der Produktion griff Hülsbeck auf seine ursprünglichen Musikdaten und auf Material aus der damaligen Heimcomputerzeit zurück. Gerade die Amiga-Fassungen spielten dabei eine wichtige Rolle. Die alten Daten dienten als musikalische Grundlage, wurden jedoch mit modernen Klängen, neuen Arrangements und zusätzlichen echten Instrumenten verbunden.
Chris Hülsbeck produzierte die Anthology; Jan Zottmann und Thomas Böcker wirkten als Co-Produzenten mit. Dazu kamen zahlreiche Musiker und bekannte Gäste. Fabian Del Priore arbeitete an den Arrangements der Super-Turrican-Stücke. Allister Brimble steuerte eine eigene Fassung von „Payment Day“ bei. Die Band Machinae Supremacy interpretierte „The Final Fight“, und Vince DiCola – dessen Musik Hülsbeck selbst stark beeinflusst hatte – war mit einem neu produzierten „Transformers Medley 2013“ vertreten.
Ein besonderer Höhepunkt befindet sich am Anfang der vierten CD: Die mehr als elf Minuten lange „Turrican II – Anthology Suite“ wurde von Roger Wanamo arrangiert und vom WDR Rundfunkorchester Köln sowie dem WDR Rundfunkchor eingespielt. Damit begegnen sich in dieser Box gleich mehrere Klangwelten – vom ursprünglichen Heimcomputergefühl über moderne elektronische Produktion und echte Gitarren bis zum großen Orchester.
Die vier CDs meiner Sammlung
Nach der langen Wartezeit war es ein großartiges Gefühl, diese vier CDs schließlich in den Händen zu halten. Für mich ist die Box nicht nur eine umfangreiche Soundtracksammlung. Sie erinnert mich auch daran, wie früh ich Turrican auf C64 und Amiga erlebt habe – und daran, dass ich gemeinsam mit vielen anderen Fans dazu beitragen konnte, dieses Projekt überhaupt möglich zu machen.
Für mich war die Kickstarter-Unterstützung keine Frage: Turrican gehörte zu meiner Kindheit – und diese Musik musste erhalten bleiben.