Computermusik
Von Turrican auf dem C64 über meine selbst aufgenommene Musikkassette bis zu Chris Hülsbeck, Synsoniq und der Amiga-Demoszene: Diese Musik hat mich schon als Kind gepackt – und führte viele Jahre später sogar zu meinem eigenen Webradio.
Der C64 – und plötzlich sprach Turrican
Als ich 1988 den Commodore 64 meines Vaters bekam, gehörte auch eine Diskettenbox dazu. Unzählige Spiele – ein Paradies! 😀 Und wisst ihr, welche davon mir besonders in Erinnerung geblieben sind? Unter anderem waren das „Hot Wheels“, „Nebulus“, „Giana Sisters“, „Gyruss“, „Tetris“, „Super Hang-On“, „Jinks“, „Bad Cat“, „Turrican“, „Bubble Bobble“, „Gauntlet“, „Aztec Challenge“ und „Bomb Jack“.
Das sind nur einige der Spiele, die mich aus einem ganz bestimmten Grund immer wieder dazu brachten, die 5¼-Zoll-Diskette ins Laufwerk zu schieben und das Programm mit dem Befehl LOAD"*",8,1 zu laden: Es war die Musik!
Eine besondere Gänsehaut erlebte ich 1990 während der Ladesequenz von „Turrican“, als der C64 plötzlich sogar anfing zu sprechen. Ich verstand zunächst nicht, was er mit dieser robotisch-knarzenden Stimme sagte. Mal davon abgesehen, dass es Englisch war, wirkte es auf mich einfach unheimlich – so unheimlich, dass ich den C64 schnell ausschaltete.
War etwas kaputt? Oder sollte das so sein? Nicht lachen – ich war zehn Jahre alt! 😛 Ich saß allein im Zimmer und wollte meinen Vater nicht fragen, ob mein C64 jetzt kaputt sei. Also nahm ich meinen ganzen Mut zusammen, schaltete ihn wieder ein und lud das Programm erneut.
Wieder kam dieses Intro. Herzklopfen! Doch diesmal überstand ich den Moment mit der Ansage:
„Welcome to Turrican! Be my guest! Another day, another try! But remember: SHOOT OR DIE! HAHAHAHAHA!“
Kurz darauf erschienen das Titelbild und die Musik. Ich war wie gefangen und betrachtete dieses Bild, das meiner Meinung nach ohnehin das Beste am ganzen Spiel war. Titelbilder und Spieleverpackungen waren meistens fantastisch gezeichnet – im eigentlichen Spiel blieb davon leider nicht mehr allzu viel übrig. 😉 Aber das ist ein anderes Thema.
Am großartigsten war für mich der Klang, den der Computer erzeugte. So etwas kannte man von nirgendwo sonst. Weder im Radio noch auf Papas Schallplatten – CDs kamen bei uns erst etwas später – konnte man solche synthetischen Klänge hören.
Umso mehr freute ich mich, dass es noch weitere Spiele mit Melodien gab, bei denen man sofort mitsummen wollte. Das Titellied von „Giana Sisters“ lief manchmal einfach aus meinem Zimmer heraus, obwohl ich gar nicht vor dem Computer saß und spielte. Ich startete das Spiel nur, um die Musik zu hören.
Sie erzeugte in mir Fröhlichkeit, Unbeschwertheit, Leichtigkeit und Mut! Und das passte zum Thema des Spiels: Giana träumt einen Albtraum, durchstreift seltsame Welten und begegnet Drachen und Monstern. Was braucht man, um ein solches Abenteuer zu bestehen? Fröhlichkeit, Unbeschwertheit, Leichtigkeit und Mut!
Es ist fantastisch, was Musik bewirken kann. Das habe ich anhand dieser Spiele schon sehr früh gespürt.
Meine erste selbst aufgenommene Computermusik-Kassette
Das blieb kein Einzelfall. Die Begeisterung zog noch weitere Kreise, die ich später auch auf dem Amiga erlebte. Vor allem der Sound meines Amiga ließ mich ab 1992 nicht mehr los. Es war irre, wozu mein Amiga 500 damals klanglich imstande war.
„Turrican“, „Gods“, „Magic Pockets“ und „Ghost Battle“ sind vier Spiele, die mir sofort in den Sinn kommen, wenn ich an meine ersten WOW-Momente mit dem Amiga zurückdenke.
Ich fand diese Musik so genial, dass ich mir eine Kassette mit den Liedern aus meinen Lieblingsspielen zusammenstellen wollte. Nur besaß ich dafür kein geeignetes Aufnahmegerät und musste erst überlegen, wie ich das anstellen konnte.
Damals hatte ich einen Kassettenrekorder, mit dem wir sonst unsere Hörspiele anhörten. Irgendwann fand ich heraus, dass man mit dem eingebauten Mikrofon auch eigene Kassetten bespielen konnte. Alles, was von außen zu hören war, ließ sich damit auf Band aufnehmen.
Also stellte ich den Kassettenrekorder vor den Fernseher, an den der Amiga angeschlossen war, und drückte gleichzeitig die Aufnahme- und die Wiedergabetaste. Nach und nach nahm ich meine Lieblingsstücke auf. Hinterher wunderte ich mich darüber, warum auf dem Band auch unsere Stimmen zu hören waren. 😉
Eigentlich muss man sich nicht wundern, dass ich 2009 mit Radio und Videostreaming begann und 2013 sogar mein eigenes Radio ins Internet brachte. Aus heutiger Sicht lassen sich da durchaus einige Parallelen erkennen. 😛
Diese Kassette nahm ich damals sogar mit in die Schule. Eine Lehrerin erlaubte uns, während ihres Kunstunterrichts Musik zu hören, und stellte der Klasse dafür einen Kassettenrekorder zur Verfügung.
Ich muss ehrlich gestehen, dass ich dreimal überlegte, ob ich meine Computermusik-Aufnahme mitnehmen und dort abspielen sollte. Schließlich überwand ich mich und verkündete stolz in der Klasse, dass ich heute ebenfalls eine Kassette dabei hätte, die man doch einmal einlegen könne.
Die Gesichter wirkten schon skeptisch. Man wusste schließlich, dass ich etwas „anders“ war als die anderen in der Klasse. Als die ersten Minuten der Kassette liefen und sofort die ersten Proteste durch den Raum schallten, wollte ich nur noch im Boden versinken.
„Das ist Computermusik!“, rief ich. Wie hätte ich es ihnen auch anders erklären sollen? Sie hätten es ohnehin nicht verstanden …
Der Name Chris Hülsbeck
Bei „Turrican“ fiel mir erstmals bewusst auf, wer die Musik zu einem Spiel komponiert hatte. Im Intro wurde angezeigt, wer alles an dem Programm beteiligt war: Music: Chris Hülsbeck.
„Aha, ein Chris Hülsbeck also …“ Ich wusste weder, wer das war, noch hatte ich jemals irgendwo ein Foto von ihm gesehen. Dann stellte ich fest, dass auch die Musik von „Giana Sisters“, „Jinks“ auf dem C64, „Grand Monster Slam“ und vielen weiteren Spielen von ihm stammte.
Von da an schaute ich immer nach, wer für die Musik verantwortlich war. Irgendwo im Handbuch oder in den Credits fand sich stets eine Möglichkeit, es herauszufinden.
- Shadow of the Beast
David Whittaker - Magic Pockets
Richard Joseph
Der Name Chris Hülsbeck sollte mich mein ganzes Leben lang begleiten – das wusste ich damals nur noch nicht. 😉 Auf der Amiga-Messe in Köln besorgte mir mein Vater ein Autogramm von ihm. Es fand seinen Platz auf dem Label einer Demodiskette. Diese Diskette besitze ich noch heute, und sie hat einen Ehrenplatz auf meinem Radiomischpult.
Einige Zeit nach der Messe besuchte uns ein Freund meines Vaters, der ebenfalls dort gewesen war und eine CD von Chris Hülsbeck gekauft hatte. Es handelte sich um „Shades Vol. 1“. Mein Vater lieh sie sich aus, doch sie lief häufiger in meinem CD-Player als in seinem. Meine Güte, fand ich die genial! 😀
„Turrican“ war in einer neuen, digital aufbereiteten Version der erste Titel der CD und hatte eine Spielzeit von beinahe 15 Minuten. Auch „R-Type“ war darauf vertreten. Absolut fantastisch! Hülsbeck hatte seinerzeit den Soundtrack zur Amiga-Konvertierung beigesteuert. Schon die Amiga-Version klang großartig, doch die CD-Fassung setzte dem Stück noch die Krone auf.
Irgendwann musste ich die ausgeliehene CD natürlich zurückgeben. Mittlerweile besaß ich jedoch die technischen Möglichkeiten, eine CD auf Kassette zu überspielen. Auf diese Weise konnte ich mir die Musik erhalten.
Wie ich im Laufe der Jahre erfahren sollte, gab es noch weitere CDs von Chris Hülsbeck. Auch das Album „To Be on Top“ lieh ich mir von Papas Freund aus. Es war ebenfalls genial, obwohl ich das dazugehörige Spiel offen gestanden bis dahin nie gespielt hatte.
„Tunnel B1“ – meine erste selbst gekaufte Hülsbeck-CD
Danach wurde es für mich zunächst etwas ruhiger um Chris Hülsbeck. Wieder begegnete mir sein Name, als „Turrican“ für das Super Nintendo erschien. Und später noch einmal, als wir eine PlayStation besaßen und das Spiel „Tunnel B1“ herauskam.
Ich traute meinen Augen nicht und dachte: „Das gibt es doch nicht – es gibt ihn noch immer!“ In der Multiplattform-Zeitschrift „Videogames“ wurde sogar über den Soundtrack zu „Tunnel B1“ berichtet, den man im Handel kaufen konnte.
Im Artikel stand eine Internetadresse, über die sich die CD bestellen ließ. Aber Himmel – wer hatte 1996 schon einen Internetzugang? Man wusste damals ja noch nicht einmal so genau, was dieses Internet überhaupt war.
Wie es der Zufall wollte, nahm mich ein Kumpel später mit nach Köln. Wir fuhren zum Saturn, um zu sehen, welche CDs es dort gab. Wenn man wirklich viel Auswahl wollte, lohnte sich damals der Weg nach Köln. Dort gab es bei Saturn den „CD-Tower“. Ich weiß nicht, ob das Gebäude tatsächlich so hieß oder ob es von der Bevölkerung nur umgangssprachlich so genannt wurde. Jedenfalls besaß dieser Tower sechs Etagen, die bis zum Rand mit CDs von allen möglichen und unmöglichen Künstlern gefüllt waren.
Da schoss mir der Bericht aus der „Videogames“ wieder durch den Kopf: Vielleicht konnte man die CD ja hier bekommen? Ich hatte 30 DM im Geldbeutel und hoffte, dass das reichen würde – vorausgesetzt, sie war überhaupt erhältlich.
Ich fragte einen Angestellten, ob sie auch CDs von Chris Hülsbeck führten. Er sagte: „Ja!“ Meine Knie wurden weich. Ich traute meinen Augen nicht, als ich tatsächlich einen Bereich im CD-Regal entdeckte, dessen Trenner die Aufschrift „Chris Hülsbeck“ trug.
In diesem Fach lag sie: meine erste selbst gekaufte CD von ihm – „Tunnel B1“.
Das Internet und meine wachsende Sammlung
1999 bekamen wir zu Hause unseren ersten Internetanschluss mit einem 56k-Modem. Es dauerte nicht lange, bis ich erstmals die Internetadresse aufrief, die im Booklet der „Tunnel B1“-CD abgedruckt war.
Dort öffnete sich ein Onlineshop namens Synsoniq. Schon damals konnte man dort zahlreiche Gamesoundtracks kaufen – unter anderem sämtliche CDs, die Chris Hülsbeck bis dahin veröffentlicht hatte.
Bald stand fest, dass ich dort ein guter Kunde werden würde. Nach und nach kaufte ich alle seine Alben. Heute bin ich froh, dass ich das getan habe, denn bereits 2006 wurde die Pressung seiner CDs eingestellt. Anschließend verkaufte der Synsoniq-Shop nur noch die vorhandenen Restbestände.
Bis heute verfolge ich die Arbeit von Chris Hülsbeck. Es ist etwas Besonderes, seine Laufbahn praktisch von Anfang an miterlebt zu haben.
Aminet, MOD-Dateien und „Space Debris“
Nicht nur Spielemusik faszinierte mich. Es gab noch eine weitere Quelle, durch die ich neue Musik auf dem Amiga entdeckte. Über einen Computerfreund erfuhr mein Vater, dass es in „diesem Internet“ das Aminet gab: gewissermaßen ein Netzwerk für Amiga-Nutzer, in dem Programme – Freeware oder Public Domain –, Grafiken und Musik für andere Anwender bereitgestellt wurden.
Wir besaßen natürlich keinen Zugang dazu. Eines Tages blätterte mein Vater jedoch im Fachmagazin „AMIGA“ und entdeckte eine Anzeige des Versandhandels „Schatztruhe“. Dort wurde eine Box mit vier CDs angeboten, die „The Best of Aminet Vol. 1“ enthielt.
Mein Vater wollte sie sofort bestellen, denn auch er wollte endlich sehen, was es im Aminet alles zu entdecken gab. Ein eigener Internetanschluss war noch nicht bezahlbar. Außerdem waren die Modemgeschwindigkeiten so gering, dass das Herunterladen viel zu lange gedauert hätte.
Ich erinnere mich, dass mein Vater einmal von einem 14,4er-Modem sprach. Inzwischen gäbe es ja bereits 28,8er-Modems mit 28,8 kbit/s – aber all das sei noch zu teuer. Da kam die Aminet-CD genau richtig.
Als die CD-Box bei uns eintraf, landete sie sofort im CD-ROM-Laufwerk unseres Amiga 4000. Von nun an sollten die CDs heiß laufen. Wir stöberten durch sämtliche Verzeichnisse und staunten darüber, was uns geboten wurde: fantastische Pixelgrafiken, coole Freeware-Spiele und vor allem – für mich das Wichtigste – jede Menge MOD-Dateien aus der Demoszene.
Diese sogenannten Module waren mit Tracker-Programmen wie beispielsweise dem ProTracker erstellt worden. Musik ohne Ende! Und glücklicherweise entdeckte ich darunter dieses Stück:
Komponiert von „Captain“ und auf dem Amiga mit ProTracker erstellt.
Dieser Titel hieß „Space Debris“ und wurde vom Komponisten „Captain“ geschaffen. Ich fand diese Musik unglaublich genial und wurde immer stolzer auf den Amiga – darauf, dass er zu so etwas fähig war.
Ich weiß nicht mehr, wie oft ich dieses Stück hörte. Ich konnte einfach nicht damit aufhören. Auf den Aminet-CDs entdeckte ich noch viel mehr Musik. Einige dieser Titel sind später sogar in mein eigenes Radio gewandert.