Ein Geburtstag auf Freispiel
Dieser Ausflug ins Flipper- und Arcademuseum Seligenstadt war mehr als eine weitere Station von Classic Videogames ON TOUR. Er begann als vollkommen normaler Arbeitstag, wurde zu einer gelungenen Überraschung und endete zwischen blinkenden Flippern, klassischen Arcade-Automaten und einem Gespräch mit dem Vereinsvorsitzenden.
Dass ich an diesem Samstag überhaupt nach Seligenstadt fahren würde, wusste ich am Morgen noch nicht. Meine damalige Partnerin Sabrina und mein Arbeitskollege Waldemar hatten hinter meinem Rücken alles organisiert – als Geburtstagsgeschenk für jemanden, der schon lange von einem Besuch in diesem Museum träumte.
Warum Waldemar plötzlich am HIT-Markt stand
Der 2. November 2013 fiel genau auf meinen Geburtstag – und zugleich auf einen Samstag, an dem ich normalerweise hätte arbeiten müssen. Also fuhr ich morgens wie gewohnt zu meiner Frühschicht in der Getränkeabteilung des HIT-Markts. Dort wartete allerdings die erste Merkwürdigkeit auf mich: Mein Kollege Waldemar war bereits da, obwohl er eigentlich meine Gegenschicht hatte.
Auf meine Frage, was er so früh im Laden mache, erklärte er, er müsse noch eine Abrechnung erledigen, die er am Vortag vergessen habe. Ganz überzeugt war ich davon nicht, doch zunächst nahm ich die Erklärung hin. Wenig später fuhr Sabrina auf den Parkplatz, kam in den Laden und löste zumindest einen Teil des Rätsels auf.
„Komm mit, du hast jetzt frei.“
Ich schaute erst Sabrina und dann Waldemar völlig verwundert an. Auch er bestätigte nur: „Du hast jetzt frei. Ich wünsche dir viel Spaß.“ In meinem Kopf arbeitete es. Ich konnte schließlich nicht einfach meine Kassenlade zurücklassen und verschwinden. Doch auch daran hatten die beiden gedacht: Waldemar übernahm meine Kasse, und mit dem Kassenbüro war längst alles abgesprochen.
Wohin die Reise gehen sollte, verriet Sabrina trotzdem noch nicht. Erst im Auto erfuhr ich, welches Ziel ich ins Navigationsgerät eingeben durfte: das Flipper- und Arcademuseum Seligenstadt. Sie wusste, wie lange ich dort schon einmal hinwollte und wie groß meine Leidenschaft für Flipperautomaten war. Genau deshalb hatte sie gemeinsam mit Waldemar diese Überraschung organisiert. Besser hätte mein Geburtstag kaum beginnen können.
Videospielgeschichte zum Anfassen
Nur wenige Monate vor unserem Besuch war das Museum von Rodenbach in sein neues Zuhause in Seligenstadt gezogen. Die große Ausstellungsfläche bot nun den passenden Raum für die stetig gewachsene Sammlung.
Schon beim Betreten wurde klar, dass dies kein Museum ist, in dem historische Geräte still hinter Absperrbändern stehen. Hier durfte und sollte gespielt werden. Flipperkugeln rollten über Rampen, Displays blinkten um die Wette und aus den Arcade-Gehäusen mischten sich die Sounds verschiedener Jahrzehnte zu einer ganz eigenen Geräuschkulisse.
Unser Video führt durch dicht gefüllte Reihen klassischer Geräte. Zu den gut erkennbaren Flippern gehören unter anderem Johnny Mnemonic, Theatre of Magic und Attack from Mars. Bei den Arcades begegnet uns außerdem Segas futuristisches Duellspiel Cyber Troopers Virtual-On. Gerade diese Mischung machte den Besuch so spannend: Neben vertrauten Klassikern warteten immer wieder Geräte, die man zuvor nur aus Bildern oder Erzählungen kannte.
Alle spielbereiten Exponate waren auf Freispiel gestellt. Nach dem Eintritt musste also keine weitere Münze eingeworfen werden. Man konnte ein Gerät ausprobieren, zum nächsten wechseln und später noch einmal zurückkehren – ganz im Sinne des Vereinsnamens „For Amusement Only“.
Flipper in Aktion
Mechanik, Licht, Klang und ein echter Ball ergeben ein Spielerlebnis, das sich durch keine Bildschirmaufnahme vollständig ersetzen lässt.
Arcade-Vielfalt
Vom klassischen Einzelspieler-Automaten bis zum großen Duell-Cabinet zeigt die Ausstellung, wie abwechslungsreich die Spielhalle einmal war.
Spielen statt nur ansehen
Die Geräte bleiben nicht stumme Ausstellungsstücke. Ihre Spielideen, Steuerungen, Grafiken und Sounds können unmittelbar erlebt werden.
Gemeinsame Erinnerungen
Zwischen den Automaten entstehen Gespräche über frühere Spielhallenbesuche, persönliche Favoriten und längst vergessene Highscores.
Die Menschen hinter den Maschinen
Gegen Ende des Videos spreche ich mit Reiner Krapohl, dem damaligen Vereinsvorsitzenden. Das Interview lenkt den Blick von den blinkenden Geräten auf die ehrenamtliche Arbeit, ohne die eine solche Ausstellung nicht möglich wäre.
Der Verein „For Amusement Only e. V.“ wurde 2009 von Sammlern und Bastlern aus der Flipper- und Arcade-Szene in Rodenbach gegründet. Ihr gemeinsames Ziel war es, historische Spielgeräte nicht nur aufzubewahren, sondern ihre Geschichte zu dokumentieren und sie in einem technischen, gesellschaftlichen und historischen Zusammenhang zu erhalten.
Dazu gehört deutlich mehr, als Automaten in einer Halle aufzustellen. Alte Platinen, Monitore, Netzteile, Schalter und Flippermechaniken benötigen Wissen, Ersatzteile, Geduld und viele Arbeitsstunden. Die Vereinsmitglieder warten, reparieren und restaurieren die Geräte ehrenamtlich, damit Besucher die ursprünglichen Spielideen auch Jahrzehnte später noch so erleben können, wie sie einmal gedacht waren.
Das erste Vereinsmuseum in Rodenbach wurde für die wachsende Sammlung bald zu klein. Im Juni 2013 öffnete deshalb der neue Standort in Seligenstadt – nur gut vier Monate vor unserem Besuch. Heute beherbergt das Flipper- und Arcademuseum auf rund 700 Quadratmetern mehr als 250 Flipper- und Arcadegeräte. Der Grundgedanke ist derselbe geblieben: Bewahren funktioniert hier am besten, indem die Technik spielbereit bleibt und Menschen für sie begeistert werden.
Zeitreise im doppelten Sinn: Unser Film zeigt nicht nur klassische Spieltechnik, sondern auch das Museum in einer frühen Phase seines neuen Seligenstädter Standorts. Dadurch ist das Video heute selbst zu einem kleinen historischen Dokument der Vereinsgeschichte geworden.
44 Minuten zwischen Flippern und Arcades
Der Rundgang fängt die Geräte, Geräusche und Atmosphäre unseres Besuchs ein. Gegen Ende folgt das Interview mit Reiner Krapohl über den Verein und das Museum.
Selbst einmal auf Freispiel gehen
Auf der offiziellen Webseite findet ihr aktuelle Informationen zur Sammlung, zu den offenen Samstagen und zu den Menschen hinter „For Amusement Only e. V.“.
Das perfekte Geschenk für einen Flipperfan
Dieser Tag ist mir nicht nur wegen der vielen Flipper und Arcade-Automaten in Erinnerung geblieben. Sabrina und Waldemar hatten mit viel Heimlichkeit dafür gesorgt, dass aus einer gewöhnlichen Samstagsschicht ein ganz besonderer Geburtstag wurde. Selbst meine Kassenlade, die mir im ersten Moment so große Sorgen bereitete, war längst Teil ihres Plans.
Der Besuch erfüllte einen lang gehegten Wunsch und zeigte zugleich, wie viel Leidenschaft nötig ist, damit historische Spielgeräte weiterleben. Genau deshalb passt diese Erinnerung so gut zu Classic Videogames ON TOUR: Es geht um die Technik – vor allem aber um die Menschen, die sie bewahren, mit anderen teilen und manchmal sogar eine komplette Geburtstagsüberraschung darum herum organisieren.
Euer Marco von Classic Videogames